Ab dem späten neunzehnten Jahrhundert jedoch wehrten sich die Leute gegen diese rationale Sichtweise. Die Philosophie beschränkte sich auf die akademischen Kreise. Wer nicht studiert hatte, blickte durch die Argumentationen bald nicht mehr durch. Eine Gegenposition entwickelte sich: die Lebensphilosophie.
Die Fragen nach dem Sinn und dem Gehalt des Lebens wurden jenseits der Akademien anders beantwortet. Rationalität und Berechenbarkeit galten bald als Gegenpole zum Lebendigen. Das Leben, so glaubte man, zeigte sich gerade in allem, das nicht berechenbar oder vernünftig ist. Statisches Denken und feste Formen wurden zum Gegenpol des Lebens. Das Innerliche, Seelische und Bewegliche wurde zum Inbegriff dessen, was das wahre Leben ausmacht.
Einige Philosophen begannen daher, das Leben genau in diesen Momenten zu suchen. Sie untersuchten die Emotionen und die einzigartigen Erlebnisse. Schematisierende Untersuchungen oder Kategorien passten nicht mehr in die Denkweise dieser Philosophie. Wenn zum Beispiel einer der prägendsten Lebensphilosophen, Henri Bergson, ein Erlebnis wie das Lachen beschreibt, dann teilt er es nicht in verschiedene Kategorien ein, um dem Lachen näherzukommen. Mit den Worten eines Lebensphilosophen: Er seziert es nicht, um sich das tote Innere anzuschauen, er untersucht das lebendige Lachen. Er fragt, wo es herkommt und welche Gemeinsamkeiten alle Arten des Lachens miteinander verbinden, statt sich auf die Unterschiede zu konzentrieren.
Diese Art, sich den Themen zu nähern, und nicht zuletzt auch die Wahl der Themen brachte der Lebensphilosophie eine Popularität ein, die der Philosophie lange nicht entgegengebracht wurde. Die Auflagen der philosophischen Werke konnten es in der Zahl mit beliebten Romanen aufnehmen. Die Lebensphilosophie war in allen gesellschaftlichen Schichten beliebt. Wahrscheinlich, weil sie sich auf lebendige Weise mit dem Leben beschäftigte.