Im Leben jedes Menschen kommt irgendwann der Zeitpunkt, an dem er sich Gedanken macht über den Sinn des Lebens und damit auch darüber, wie er selbst sein Leben zu gestalten denkt. Eigene Ziele, Wünsche, Hoffnungen und Ansprüche werden hinterfragt, der eigene Lebensweg wird so weit als möglich entweder geplant oder bewusst dem Schicksal bzw. Zufall überlassen, und nicht wenige Menschen wenden sich während dieser Sinnsuche hilfesuchend an kluge Bücher, weise Menschen oder spirituelle bzw. religiöse Gemeinschaften, um aus den Lebensphilosophien Anderer etwas für sich selbst mitnehmen zu können.

Im Grunde ist dies auch nicht schlecht; ein reifer Mensch reflektiert sich und sein Verhalten, bemerkt seine Umwelt und wie sie auf ihn und er auch auf sie Einfluss nimmt, und weiß auch um Eigenverantwortung und Gradlinigkeit im eigenen Leben. Sich von den Lebensweisheiten und -philosophien Anderer, vielfach auch älterer Menschen, etwas abzuschauen, ist sicher von Vorteil, so man es bewußt und überlegt macht. Blindes Nacheifern oder kritikloses Übernehmen irgendwelcher Lebensphilosophien jedoch, die möglicherweise für das eigene Leben gar nicht passend sind, ist problematisch. Zu hoch ist die Gefahr, dabei an Ansprüchen zu scheitern, die man an sich stellt aufgrund einer als “richtig” empfundenen Lebensphilosophie bei einem Anderen – ohne dabei zu bemerken, dass das eigene Leben und der eigene Charakter gänzlich andere Voraussetzungen bieten.

Das gleiche Risiko tragen religiös motivierte Lebensphilosophien in sich: da mag ein noch junger, in sich selbst unsicherer und verzweifelter Mensch zu dem Entschluss kommen, dass er z. B. einer asketisch oder eremitisch geprägten Philosophie und (klösterlichen) Lebensweise anhängen möchte, um damit seine Frustration und seinen Weltschmerz besser in den Griff zu bekommen. Übersehen wird dabei dann leider häufig, dass es sinnvoller und für das eigene Leben positiver wäre, sich mit seinen Problemen und Unzufriedenheiten auseinanderzusetzen, sie aufzuarbeiten und sich dann, gestärkt und gereift, auf neue Lebensziele aktiv einzulassen, statt sich in einer eher passiven und sich selbst bestrafenden Lebensweise und -philosophie wiederzufinden, deren Ursprung Jahrhunderte zurückliegt und schon damals nur für extreme Ausnahmecharaktere wirklich authentisch und lebbar war.

Sich für das eigene Leben im Laufe der Jahre gewisse Regeln aufzustellen, sich an bestimmte ethische oder moralische Werte und gewonnene Weisheiten zu halten – das kann im erweiterten Sinne als Lebensphilosophie gelten, die für gewöhnlich auch auf Dauer und konsequent einzuhalten ist. Denn sie basiert auf den eigenen, real gemachten Erfahrungen im Leben und mit Mitmenschen und hat sich also als zutreffend, zum eigenen Leben passend, bewährt.